Erich Sturm

Integrales Bewußtsein - Grundlage meiner Weltvorstellung

Die Basis meiner Weltvorstellung ruht auf zwei Säulen. Die eine Säule besteht aus den Arbeiten von Jean Gebser und Ken Wilber. Dies ist die theortische Grundlage, die es mir ermöglicht Dinge zu ordnen. Die zweite Säule besteht aus meinen eigenen Erfahrungen. Denn wie will man verstehen, was man selbst nicht kennt?

Für alle Interessierten habe ich hier versucht, die Arbeit von Gebser und Wilber "kurz" wiederzugeben.

Die Bewusstseinsentwicklung des Menschen

Der Religionsphilosoph Jean Gebser hat in seinem Hauptwerk "Ursprung und Gegenwart" eine Entwicklungsgeschichte der Menschheit aufgezeigt, die in ihrer Art und ihrem Umfang bisher einmalig ist. Seine bahnbrechende Arbeit wurde von dem amerikanischen Biologen und Bewusstseinsforscher Ken Wilber aufgegriffen und mit den Systemtheorien, den Erkenntnissen der Psychologie und modernen Philosophien wie z. B. denen von Jürgen Habermas verbunden.
In jedem neugeborenen Menschen vollzieht sich die Entwicklung der Menschheit erneut.

1. Archaisches Bewusstsein
Nach Gebser befand sich die Menschheit am Anfang ihrer evolutionären Entwicklung zuerst im archaischen Bewusstsein. Das archaische Bewusstsein wird in den vielen Mythen und Entstehungsgeschichten als das Paradies oder das goldene Zeitalter beschrieben. Der Mensch glich einem Neugeborenen. Und so, wie das Neugeborene noch in einer innigen Einheit mit der Mutter lebt, nur die Bedürfnisse von Schlafen und Essen kennt, so war der Mensch der Urzeit noch vollständig in die Natur eingebettet.

Es gibt Kritiker der Moderne, die gerne zu diesem Zustand zurück möchten, aber sie vergessen dabei, dass es sich um einen Zustand der Un- bzw. Vorbewußtheit handelt. Der archaische Mensch war sich so wenig seiner selbst bewusst wie ein Neugeborenes. Er besaß kein Ich, wie wir es heute kennen. Er konnte nicht differenzieren zwischen sich und seiner Umwelt und entsprechend gering waren seine Handlungsmöglichkeiten. Überleben und Fortpflanzung bestimmten seinen Alltag, unbewusst, nur von Trieben und Instinkten geführt.

Jede weitere Entwicklungsstufe, die der Mensch nun erklimmen sollte, führte ihn zu mehr Differenzierung/Integration, zu mehr Organisation/Strukturierung, zu mehr relativer Autonomie und damit zu tieferer Selbsterkenntnis und umfangreicheren Handlungsmöglichkeiten.
Dieser Punkt ist immens wichtig. Jedes Seminar, jede Fortbildung, jedes Dogma, jeder Mythos, jeder Glaube und jede Politik welche den Menschen zu einer vergangenen Bewusstseinsstruktur zurückführen möchte, in dem es dem Menschen Heil in der Vergangenheit verspricht, schränkt ihn in Wirklichkeit ein und unterbindet die Möglichkeit weiterer Entwicklung und Erkenntnis!

2. Magisches Bewusstsein
Die zweite Stufe, die die Menschheit erreichte, war das magische Bewusstsein. Auch auf dieser Stufe gab es noch kein ausdifferenziertes Ich. Eine Persönlichkeit im modernen Sinne war unbekannt. Im magischen Bewusstsein ist die soziale Form des Zusammenlebens der Clan oder die Gruppe. Ihre nun etwas erweiterten Handlungsmöglichkeiten leitete die Gruppe ab vom Ahn oder Totem. Da das Ich im magischen Bewusstsein nur sehr geringe Differenzierungsmöglichkeiten aufweist, bezieht es alles auf sich selbst. Z. B. ist ein Kind im Entwicklungsstand des magischen Bewusstseins unfähig zu erkennen, dass sich die Wolken deshalb schneller bewegen, weil es sich selbst bewegt, sondern es sieht sich als aktive Ursache für das Phänomen. Der magische Urmensch glaubte, dass ein Dämon oder ein Geist Blitze nach ihm schleuderte, wenn es Gewitter gab. Er glaubte den Geist erzürnt zu haben und sah sich selbst als Ursache einer externen Wirkung.

Magie bedeutet machen oder handeln und der engl. Sozialanthropologe George Frazer nannte Magie "Wissenschaft mit falschen Mitteln". Dieses magische Handeln, das Beschwören von Kräften, war der große Schritt vom archaischen zum magischen Zeitalter. Der magische Mensch glaubte, durch Beschwören von Kräften oder Geistern Einfluss nehmen zu können auf die Umwelt. Seine Handlungsmöglichkeiten hatten sich erweitert. Seine relative Autonomie war größer als im archaischen Bewusstsein, aber doch vollständig abhängig vom Clan, bzw. Gruppenbewusstsein. Es gibt Berichte von Buschvölkern, bei denen es auf Grund von Tabuverletzungen zu einem Ausschluss eines Stammesmitgliedes kam und das ausgeschlossene Mitglied sich einfach irgendwohin setzte und auf den Tod wartete. Unfähig allein zu leben.

Losgehen und sich alleine durchschlagen setzt ein relativ autonomes Ich voraus. Wie lebendig diese Struktur noch sein kann, ist gut an ehemaligen Mitgliedern totalitärer Sekten zu beobachten, welche nach einem Bruch mit der Sekte in eine schwere Depression und Leere fallen. Das autonome, rationale Ich der Moderne war mit Hilfe bestimmter Psychotechniken schwer gestört und durch eine prähistorische Stammesmentalität ersetzt worden. Für den archaischen Menschen bedeutete das magische Bewusstsein ein Mehr, für den modernen Menschen aber bedeutet es ein Weniger!

The dark side of the moon...
Jede Entwicklungsstufe besitzt eine Schattenseite, die erst mit der Zeit sichtbar wird. Diese Schattenseite wollen wir nun etwas genauer betrachten, denn sie entfaltete nicht nur ihre Wirkung in der Frühzeit der Menschheit, sondern kommt immer dann zum Ausdruck, wenn der moderne Mensch sich zurück begibt auf die magische Stufe, egal ob er bewusst sich zur Magie bekennt oder unbewusst durch Seminare dorthin geführt wird. Denn jede Bewusstseinsstufe ist Erbe der Menschheit und wird, wie bereits gesagt,  in der Entwicklung vom Neugeborenen hin zum Erwachsenen erneut durchlebt.

Am Anfang glaubt der neue Magier mit Hilfe seiner Techniken, seines Willens und seines übergroßen Egos, alles erreichen zu können. Er sieht sich als Leiter und Lenker der Kräfte und versucht sie zu seinem Nutzen anzuwenden. Aber mit jeder Kraft und jedem Geist wird die Menge des zu Beherrschenden größer. Der Magier gerät langsam aber sicher in eine Paranoia, denn da sein Credo lautet - Ich kann alles beherrschen -, ist der verborgene Umkehrschluss - Alles was ich nicht beherrschen kann, könnte mich beherrschen -.

Durch das magische Bewusstsein kam die Dualität von Gut und Böse in die Welt und diese sucht seitdem die Erlösung durch die Zerstörung oder rituellen Befriedung des vermeintlich Bösen. Diese Schattenseite wurde sichtbar, als die magische Bewusstseinsstufe ihren Höhepunkt überschritten hatte. Diese Zeit war geprägt von blutigen Opferkulten, um das enger werdendere Netz von Bedrohungen zu beruhigen. Aber die Schattenseite wurde auch in der nahen Vergangenheit und sogar in der Gegenwart sichtbar.

Firmen, deren Manager und Führungskräfte auf Seminare geschickt werden, welche ebenfalls eine Rückwendung zum Magischen praktizieren, werden über kurz oder lang mit den beschriebenen Problemen konfrontiert werden. Das Tragische daran ist, dass die meisten Teilnehmer und meiner Meinung nach auch die Seminaranbieter nichts vom magischen Bewusstsein und seiner Schattenseite wissen.

Zuerst werden die Mitarbeiter voller Energie und übersteigertem Selbstbewusstsein an ihre Aufgaben gehen und die ersten Ergebnisse werden positiv sein und einen Gewinnzuwachs erzeugen oder versprechen. Aber langfristig wird die Schattenseite des magischen Bewusstseins überwiegen und Angst und Verfolgungswahn werden die positiven Ergebnisse nivellieren und innerbetriebliche Konflikte schaffen, die bis zur Existenzbedrohung führen können. Das magische Bewusstsein ist unfähig zu Kooperation und Integration!

Das magische Bewusstsein war ein Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Es löste ihn aus dem archaischen Vorbewussten und schenkte ihm neue Handlungsmöglichkeiten, sowie das größer werdendere Kind sich aus der Einheit mit der Mutter löst und voller Neugier und Tatendrang beginnt, sich seiner Umwelt bewusst zu werden und sie zu erobern.

Aber weder die Menschheit, noch das Kind, bleiben stehen, sondern setzen die Evolution des Bewusstseins fort. So überwand der Mensch schließlich die Schattenseiten des Magischen, in dem er sich auf die nächsthöhere Ebene aufschwang, dem mythologischen Bewusstsein.

3. Mythologisches Bewusstsein
Das mythologische Bewusstsein befreite den Menschen nicht nur aus dem Bann permanenter Bedrohung, sondern schuf neue Handlungsmöglichkeiten und eine weitere Differenzierung des Ichs. Aus Ahnen und Totems wurden Götter und Göttinnen bis hin zum monotheistischen Schöpfergott. Aus Clans, Gruppen und Blutsgemeinschaften wurden Völker und Staaten. Der Mythos erlaubte das Zusammenleben verschiedener Gruppen unter einem Gesetz. Auch brachte das mythologische Bewusstsein ein neues Zeit- und Raumempfinden hervor. Das magische Bewusstsein ist gegenwartsbezogen, jagen und sammeln, von der Hand in den Mund. Das mythologische Bewusstsein dagegen dehnt sich weiter aus in Vergangenheit und Zukunft. Diese Fähigkeit ermöglichte Ackerbau und Stadtgemeinschaften. Um Ackerbau zu betreiben bedarf es eines Bewusstseins, welches erkennt, dass das, was ich heute säe, erst in einigen Monaten geerntet werden kann. Vorausschauendes Handeln ist ein Attribut des mythologischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ermöglichte aber auch Kriege in einer bis dahin unbekannten Dimension. Die Ausweitung der Bewusstseinsgrenzen brachte auch eine Ausweitung in den materiellen Raum mit sich.

Das Ich im mythologischen Bewusstsein erfuhr eine weitere Differenzierung, eine Erhöhung der Komplexität und Handlungsmöglichkeiten und ein mehr an relativer Autonomie. Es war nicht mehr auf eine Gruppe festgelegt, sondern besaß nun eine Rollenidentität, bestimmt durch den jeweils vorherrschenden Mythos. Der Mythos postulierte und konstituierte Hierarchie (Gott, Priester, Kaiser, König, Adlige, Handwerker, Bauern, Sklaven) und schuf somit die Voraussetzung für größere Staatsgebilde, die unter der magischen Clanidentität nicht möglich waren.

Das mythologische Ichbewusstsein fügt sich in seine Rollenidentität. Es gab keine Emanzipationsbewegungen, von wenigen unbedeutenden Ausnahmen abgesehen. Das Ich war fest mit seiner Rolle verbunden und stellte die bestehende Ordnung nicht in Frage. Bis zu einem bestimmten Punkt in der menschlichen Entwicklungsgeschichte war es nicht relevant (und ist es in manchen totalitären Staaten immer noch nicht), den König (oder Diktator) abzuschaffen, um das Königstum abzuschaffen, sondern relevant war allein, ob man einen guten Herrscher hatte oder einen schlechten.

Die positive Seite des mythologischen Bewusstseins war also der Übergang von der Gruppenidentität (magisch) zur Rollenidentität (mythologisch). Die Hervorbringung einer neuen Zeit- und Raumerfahrung, was den Handlungsspielraum des Menschen erweiterte und bis dahin unbekannte Formen des sozialen Zusammenlebens schuf.

Aber auch hier gibt es eine Schattenseite.
Der Mythos verlangt absoluten Glauben. Es besteht kein Zweifel an seinem Wahrheitsgehalt. Besagt der Mythos, dass der Mann mehr wert ist als die Frau, Sklaven minderwertigere Menschen sind als die Freien, dann gilt dies im mythologischen Bewusstsein als unumstößliche Wahrheit. Das mythologische Bewusstsein ist dogmatisch. Der Mensch wird in seiner Rollenidentität festgehalten und es gibt kein Entkommen. Die Fixierung auf das Dogma führte im Laufe der Zeit zu immer stärker werdendem Machtmissbrauch. Die Hüter des Mythos (Religion) bestimmten was wahr ist, waren Herrscher über Wissenschaft und Kunst. Jede Zuwiderhandlung gegen den Mythos wurde, und wird auch heute noch in mythologischen Kulturen, mit dem Tode bestraft. Der griechische Philosoph Sokrates war einer der ersten, der wegen seiner Rebellion gegen den Mythos den Schierlingsbecher zu leeren hatte. Tausende folgten ihm bis zum heutigen Tag. Christlicher und Islamischer Fundamentalismus haben hier ihre Wurzeln.

Beispiele der Gegenwart:
Francis Fukuyama beschreibt in seinem Buch "Der Konflikt der Kulturen" unterschiedliche wirtschaftliche Systeme. So benennt er Staaten, in denen die Familie einen so hohen Stellenwert besitzt, dass man wenig Vertrauen zu Menschen außerhalb der Familienstruktur hat und lieber einen unfähigen Sohn zum Firmenerbe bestimmt, als Manager von außerhalb einzustellen. Dies Phänomen wird auch Buddenbrook-Syndrom genannt. Die Theorie von der Evolution des Bewusstseins liefert eine mögliche Erklärung für diese Problematik. Wo in der beschriebenen Art gehandelt wird, herrscht das mythologische Bewusstsein. Viele Auslandsmitarbeiter internationaler Firmen fahren unvorbereitet in diese Länder, verstehen nicht die Struktur und Merkmale der mythologischen Kultur und so kommt es immer wieder zu Verständnisproblemen, die unter Umständen zu einem wirtschaftlichen Misserfolg führen.

Wer in ein Land mit noch stark vertretenem mythologischem Bewusstsein reist, um dort Geschäfte zu machen, sollte sich der dort vorherrschenden Strukturen bewusst sein, um entsprechend verstehen, handeln und reagieren zu können. Die uns konstituierenden und umgebenden Bewusstseinsstrukturen haben einen wesentlich größeren Einfluss auf unsere Entscheidungen und Handlungen als die meisten Menschen glauben. Reines Profitstreben und Gewinnmaximierung als Handlungskriterium spielen dagegen eine untergeordnete Rolle.

4. Rationales Bewusstsein
Die bislang letzte Stufe innerhalb der Bewusstseinsentwicklung hatte ihren Durchbruch mit dem Beginn der Moderne im 16. und 17. Jahrhundert. Gebser nennt es das rationale Bewusstsein. Auf dieser Ebene ist das Ich des Menschen vollständig von seiner Umwelt differenziert. Diese Differenzierung befreite das Ich von der Rollenidentität hin zur multiplen Persönlichkeit. Es erkennt alle Menschen als gleich an und ist in der Lage, Ländergrenzen und kulturelle Schranken zu überwinden. Emanzipation der Frau, Abschaffung der Leibeigenschaft, Beurteilung nach Fähigkeit und nicht nach Stand, sind seine großen Errungenschaften. Das Zeit- Raumempfinden erfuhr einen erneuten Zuwachs. In der Kunst entdeckte man die Perspektive und Perspektive bedeutet, unterschiedliche Blickwinkel einnehmen zu können, ein weiterer Ausdruck für größere persönliche Autonomie.

Zudem befreite das rationale Bewusstsein die Kunst und die Wissenschaft von den Fesseln des Mythos. Nun bestimmte nicht mehr die Religion und ihre Vertreter, was dargestellt und was erforscht werden durfte. Kein Wissenschaftler muss mehr fürchten auf dem Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt zu werden, nur weil seine Erkenntnisse mit dem vorherrschenden Dogma unvereinbar sind (Jedenfalls in dem Teil der Welt, in dem das rationale Bewusstsein vorherrschend ist).

Verwissenschaftlichung als Tyrann!
Doch wie auf den anderen Stufen auch, werden wir mit Schattenseiten konfrontiert. Nachdem die Wissenschaft und Kunst sich vom Dogma der Religion emanzipiert hatte, trat sie einen Siegeszug ohnegleichen an. Aber die Wissenschaft integrierte die vorhergehenden Stufen nicht, sondern verwarf alle positiven Aspekte der vorhergehenden Ebenen, auf deren Basis sie letztendlich doch aufbaut. Die Empirie und der Behaviorismus wurden zu den Tyrannen der Moderne. Alles Innere wurde verneint oder als vernachlässigbar angesehen und das Äußere, die Form und Gestalt, die messbaren Werte, also das, worauf man mit dem Finger zeigen kann, galt und gilt als einzige Wirklichkeit. Das Fehlen einer weltumfassenden Ethik steht mit der Überbewertung der materiellen Wissenschaft in Verbindung, da Ethik und Moral innere Werte darstellen, die mit Empirie und Messinstrument nicht zu erfassen sind. Als diese Entwicklung sich abzuzeichnen begann, erwachte sofort die Gegenbewegung. Romantik, Idealismus, postmoderner Konstruktivismus und New-Age, sind Versuche der Menschen, der durch die Empirie entstandenen Sinnesleere zu entkommen. Aber fast alle diese Bewegungen haben ein Problem. Sie waren und sind nicht in der Lage, über die Ebene des rationalen Bewusstseins hinauszugelangen. Sie suchen ihr Heil entweder darin, dass sie die Moderne völlig in Frage stellen und damit auch glauben, den Tyrannen der Empirie vom Thron zu stoßen (Konstruktivismus, völlige Beliebigkeit), oder sie bieten als Heilmittel ein Zurück auf frühere Entwicklungsstufen (Romantik bis New-Age).

Fast alle verwechseln sie prärationales Bewusstsein mit transrationalem Bewusstsein. Transrationales, diaphanes (durchscheinendes) oder integrales Bewusstsein wird jene Stufe genannt, die Gebser, Wilber und andere als die kommende Bewusstseinsstruktur benennen. Auf dieser Entwicklungsstufe kommt es zu einer Integration aller vorhergehenden Ebenen und sie ist erneut gekennzeichnet durch ein Mehr und nicht durch ein Weniger. Die Evolutionsgeschichte der Menschheit hat gezeigt, dass jede Entwicklungsstufe zu einer größeren Differenzierung (Möglichkeit der Abstraktion), höherer Komplexität (Tieferes Verstehen), zu mehr Organisation (Möglichkeit der Ausweitung und des sozialen Zusammenlebens), zu mehr Strukturierung (Möglichkeit der Einordnung und Bewertung) und zu mehr relativer Autonomie (Möglichkeit der unterschiedlichen Perspektiven) führt.

Es ist schwer vorherzusagen, wie die transrationale Bewusstseinsstruktur aussehen und welche äußeren Formen sie annehmen wird. Vorstellbar wäre ein Ich, welches nicht nur in der Lage ist unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, sondern seine eigenen Identitätsgrenzen zu überschreiten. Ansätze davon beschreibt die amerikanische Wissenschaftssoziologin Sherry Turkle in ihrem Buch „Life on the Screen“. Sie berichtet von einem Internet-Chatter, der gleichzeitig (!) in verschiedenen Foren mit unterschiedlicher Identität auftritt. Er kommuniziert zeitgleich als Frau, als Mann und als Phantasiewesen. Die Untersuchungen über Veränderung des Bewusstseins in Bezug auf Identität und Zeit-Raumempfinden durch die Computerkultur stecken noch in den Anfängen, aber der Cyberspace könnte sich zu einem echten Medium für die neue Bewusstseinsstruktur entwickeln. Mit dem rapiden Anwachsen von Rechnerleistung und Speicherkapazität werden sich Anwendungsbereiche erschließen, deren Möglichkeiten bisher nur im Reich der Science-Fiction zu finden waren.


Urheberrecht, Leistungsschutzrecht und das konservative Mantra vom "rechtsfreien Internet" sind auch Anzeichen eines Kulturkampfes über die Deutungshoheit der Welt. Der Buchdruck hat die Gesellschaft revolutioniert, weil er es ermöglichte, Wissen in einem bis dahin ungekannten Ausmaß zu teilen. Eine ähnliche Revolution erleben wir heute. Das Internet ist ein Werkzeug kommender Intelligenz und kommenden Bewusstseins. Es wird dazu dienen, die Schattenseiten des Rationalen zu überwinden. Im integralen Bewusstsein wird es auch wieder ethische und moralische Grenzen geben, aber diese werden ausschließlich von Innen gespeist sein und von keinem magischen Wollen, keinem mythologisches Dogma und keiner rationalen Ausschließlichkeit beherrscht werden.

Es ist Aufgabe des Menschen frei zu werden und die Balance zwischen Individualität und Gemeinschaft bewusst zu leben. Dazu bedarf es u. a. Transparenz, Bildung und Mitbestimmung.